Internationale Sprachspielakademie

Puss in Boots / Der gestiefelte Kater

Der gestiefelte Kater ist unser Logo. Das hat auch seinen Grund.

Mehr Abenteuer und Erfolg mit Sprachen lautet hier das Motto, denn was wäre aus aus dem armen Müllersohn und seinem Kater ohne die Sprachkompetenz des Stubentigers geworden, der auch die Sprache der Menschen beherrschte?

 

 

 

Brüder Grimm: Die schönsten Kinder- und Hausmärchen - Kapitel 93
  
  
  
  
  
  

Der gestiefelte Kater

s war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne, seine Mühle, einen Esel und einen Kater; die Söhne mußten mahlen, der Esel Getreide holen und Mehl forttragen, die Katze dagegen die Mäuse wegfangen. Als der Müller starb, teilten sich die drei Söhne in die Erbschaft: der älteste bekam die Mühle, der zweite den Esel, der dritte den Kater; weiter blieb nichts für ihn übrig. Da war er traurig und sprach zu sich selbst: »Mir ist es doch recht schlimm ergangen, mein ältester Bruder kann mahlen, mein zweiter auf seinem Esel reiten – was kann ich mit dem Kater anfangen? Ich laß mir ein Paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen, dann ist's vorbei.«

»Hör«, fing der Kater an, der alles verstanden hatte, »du brauchst mich nicht zu töten, um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Pelz zu kriegen; laß mir nur ein Paar Stiefel machen, daß ich ausgehen und mich unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.« Der Müllersohn verwunderte sich, daß der Kater so sprach, weil aber eben der Schuster vorbeiging, rief er ihn herein und ließ ihm die Stiefel anmessen. Als sie fertig waren, zog sie der Kater an, nahm einen Sack, machte dessen Boden voll Korn, band aber eine Schnur drum, womit man ihn zuziehen konnte, dann warf er ihn über den Rücken und ging auf zwei Beinen, wie ein Mensch, zur Tür hinaus.

Damals regierte ein König im Land, der aß so gerne Rebhühner: es war aber eine Not, daß keine zu kriegen waren. Der ganze Wald war voll, aber sie waren so scheu, daß kein Jäger sie erreichen konnte. Das wußte der Kater, und gedachte seine Sache besserzumachen; als er in den Wald kam, machte er seinen Sack auf, breitete das Korn auseinander, die Schnur aber legte er ins Gras und leitete sie hinter eine Hecke. Da versteckte er sich selber, schlich herum und lauerte. Die Rebhühner kamen bald gelaufen, fanden das Korn – und eins nach dem andern hüpfte in den Sack hinein. Als eine gute Anzahl drinnen war, zog der Kater den Strick zu, lief herbei und drehte ihnen den Hals um; dann warf er den Sack auf den Rücken und ging geradewegs zum Schloß des Königs. Die Wache rief. »Halt! Wohin?« – »Zum König!« antwortete der Kater kurzweg. »Bist du toll, ein Kater und zum König?« – »Laß ihn nur gehen«, sagte ein anderer, »der König hat doch oft Langeweile, vielleicht macht ihm der Kater mit seinem Brummen und Spinnen Vergnügen.« Als der Kater vor den König kam, machte er eine tiefe Verbeugung und sagte: »Mein Herr, der Graf« – dabei nannte er einen langen und vornehmen Namen – »läßt sich dem Herrn König empfehlen und schickt ihm hier Rebhühner«; wußte der sich vor Freude nicht zu fassen und befahl dem Kater, soviel Gold aus der Schatzkammer in seinen Sack zu tun, wie er nur tragen könne: »Das bringe deinem Herrn, und danke ihm vielmals für sein Geschenk.«

Der arme Müllersohn aber saß zu Haus am Fenster, stützte den Kopf auf die Hand und dachte, daß er nun sein letztes Geld für die Stiefel des Katers weggegeben habe, und der ihm wohl nichts besseres dafür bringen könne. Da trat der Kater herein, warf den Sack vom Rücken, schnürte ihn auf und schüttete das Gold vor den Müller hin: »Da hast du etwas Gold vom König, der dich grüßen läßt und sich für die Rebhühner bei dir bedankt.« Der Müller war froh über den Reichtum, ohne daß er noch recht begreifen konnte, wie es zugegangen war. Der Kater aber, während er seine Stiefel auszog, erzählte ihm alles; dann sagte er: »Du hast jetzt zwar Geld genug, aber dabei soll es nicht bleiben; morgen ziehe ich meine Stiefel wieder an, dann sollst du noch reicher werden; dem König habe ich nämlich gesagt, daß du ein Graf bist.« Am andern Tag ging der Kater, wie er gesagt hatte, wohl gestiefelt, wieder auf die Jagd, und brachte dem König einen reichen Fang. So ging es alle Tage, und der Kater brachte alle Tage Gold heim und ward so beliebt beim König, daß er im Schlosse ein- und ausgehen durfte. Einmal stand der Kater in der Küche des Schlosses beim Herd und wärmte sich, da kam der Kutscher und fluchte: »Ich wünsche, der König mit der Prinzessin wäre beim Henker! Ich wollte ins Wirtshaus gehen, einmal einen trinken und Karten spielen, da sollt ich sie spazierenfahren an den See.« Wie der Kater das hörte, schlich er nach Haus und sagte zu seinem Herrn: »Wenn du ein Graf und reich werden willst, so komm mit mir hinaus an den See und bade darin.« Der Müller wußte nicht, was er dazu sagen sollte, doch folgte er dem Kater, ging mit ihm, zog sich splitternackt aus und sprang ins Wasser. Der Kater aber nahm seine Kleider, trug sie fort und versteckte sie. Kaum war er damit fertig, da kam der König dahergefahren; der Kater fing sogleich an, erbärmlich zu lamentieren: »Ach! Allergnädigster König! Mein Herr, der hat sich hier im See zum Baden begeben, da ist ein Dieb gekommen und hat ihm die Kleider gestohlen, die am Ufer lagen; nun ist der Herr Graf im Wasser und kann nicht heraus, und wenn er sich noch länger darin aufhält, wird er sich erkälten und sterben.« Wie der König das hörte, ließ er anhalten und einer seiner Leute mußte zurückjagen und von des Königs Kleider holen. Der Herr Graf zog dann auch die prächtigen Kleider an, und weil ihm ohnehin der König wegen der Rebhühner, die er meinte, von ihm empfangen zu haben, gewogen war, so mußte er sich zu ihm in die Kutsche setzen. Die Prinzessin war auch nicht bös darüber, denn der Graf war jung und schön, und er gefiel ihr recht gut.

Der Kater aber war vorausgegangen und zu einer großen Wiese gekommen, wo über hundert Leute waren und Heu machten. »Wem ist die Wiese, ihr Leute?« fragte der Kater. »Dem großen Zauberer.« – »Hört, jetzt wird gleich der König vorbeifahren, wenn er wissen will, wem die Wiese gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschlagen.« Darauf ging der Kater weiter und kam an ein Kornfeld, so groß, daß es niemand übersehen konnte; da standen mehr als zweihundert Leute und schnitten das Korn. »Wem gehört das Korn, ihr Leute?« – »Dem Zauberer.« – »Hört, jetzt wird gleich der König vorbeifahren, wenn er wissen will, wem das Korn gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschlagen.« Endlich kam der Kater an einen prächtigen Wald, da standen mehr als dreihundert Leute, fällten die großen Eichen und machten Holz. »Wem ist der Wald, ihr Leute?« – »Dem Zauberer.« – »Hört, jetzt wird gleich der König vorbeifahren, wenn er wissen will, wem der Wald gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschlagen.« Der Kater ging noch weiter, die Leute sahen ihm alle nach, und weil er so wunderlich aussah, und wie ein Mensch in Stiefeln daherging, fürchteten sie sich vor ihm. Er kam bald an des Zauberers Schloß, trat keck hinein und vor diesen hin. Der Zauberer sah ihn verächtlich an, dann fragte er ihn, was er wolle. Der Kater verbeugte sich tief und sagte: »Ich habe gehört, daß du dich in jedes Tier ganz nach deinem Belieben verwandeln könntest; was einen Hund, Fuchs oder auch Wolf betrifft, da will ich es wohl glauben, aber von einem Elefant, das scheint mir ganz unmöglich, und deshalb bin ich gekommen, um mich selbst zu überzeugen.« Der Zauberer sagte stolz: »Das ist für mich eine Kleinigkeit«, und war in dem Augenblick in einen Elefant verwandelt. »Das ist viel«, sagte der Kater, »aber auch in einen Löwen?« – »Das ist auch nichts«, sagte der Zauberer, dann stand er als Löwe vor dem Kater. Der Kater stellte sich erschrocken und rief: »Das ist unglaublich und unerhört, dergleichen hätt ich mir nicht im Traume in die Gedanken kommen lassen; aber noch mehr, als alles andere, wär es, wenn du dich auch in ein so kleines Tier, wie eine Maus ist, verwandeln könntest. Du kannst gewiß mehr, als irgendein Zauberer auf der Welt, aber das wird dir doch zu hoch sein.« Der Zauberer ward ganz freundlich von den süßen Worten und sagte: »O ja, liebes Kätzchen, das kann ich auch«, und sprang als eine Maus im Zimmer herum. Der Kater war hinter ihm her, fing die Maus mit einem Satz und fraß sie auf.

Der König aber war mit dem Grafen und der Prinzessin weiter spazierengefahren, und kam zu der großen Wiese. »Wem gehört das Heu?« fragte der König. »Dem Herrn Grafen«, riefen alle, wie der Kater ihnen befohlen hatte. »Ihr habt da ein schön Stück Land, Herr Graf«, sagte der König. Danach kamen sie an das große Kornfeld. »Wem gehört das Korn, ihr Leute?« – »Dem Herrn Grafen.« – »Ei! Herr Graf! Große, schöne Ländereien!« – Darauf zu dem Wald: »Wem gehört das Holz, ihr Leute?« – »Dem Herrn Grafen.« Der König verwunderte sich noch mehr und sagte: »Ihr müßt ein reicher Mann sein, Herr Graf, ich glaube nicht, daß ich einen so prächtigen Wald habe.« Endlich kamen sie an das Schloß, der Kater stand oben an der Treppe, und als der Wagen unten hielt, sprang er herab, machte die Türe auf und sagte: »Herr König, Ihr gelangt hier in das Schloß meines Herrn, des Grafen, den diese Ehre für sein Lebtag glücklich machen wird.« Der König stieg aus und verwunderte sich über das prächtige Gebäude, das fast größer und schöner war als sein Schloß; der Graf aber führte die Prinzessin die Treppe hinauf in den Saal, der ganz von Gold und Edelsteinen flimmerte.

Da ward die Prinzessin mit dem Grafen versprochen, und als der König starb, ward er König, der gestiefelte Kater aber erster Minister.

 

 

Für alle Literaturfreunde hier nun auch die Vorlage für die Grimmsche Fassung:

Charles Perrault

Der gestiefelte Kater oder Meister Kater

Erbschaft allein tut's nicht. Kleines Erbe hat oft schon mehr genützt als großes, und keines mehr als kleines. Auf eigenen Füßen kommt man weiter als auf Stelzen, und eigene zwei Beine sind sicherer als die vier eines Rosses, das tausend Louisdor kostet. Wir alle kennen Millionäre, deren Väter nicht das Brot hatten, und Bettler, deren Großväter in Palästen wohnten. Etwas Grütze im Kopf ist mehr wert als große Ländereien außerhalb des Kopfes – und etwas Mutterwitz mehr als alles Mütterliche und Väterliche zusammengenommen. Der erste Taler ist schwerer zu verdienen als die zweite Million, und alle Millionen sind leichter auszugeben als der erste Taler zu erwerben. Und Behalten ist bekanntermaßen noch schwerer als Erwerben.

Ein Müller hatte drei Söhne, und den drei Söhnen hinterließ er eine Mühle, einen Esel und eine Katze.

Der älteste nahm nach dem Rechte der Erstgeburt die Mühle, der zweite den Esel – blieb für den jüngsten nichts als die Katze. Das war eine leichte und natürliche Teilung, und die Advokaten und Gerichte verdienten nicht viel dabei.

»Eine Katze!« rief der jüngste unzufrieden, »eine Katze! Was tu ich mit einer Katze? Das ist für die Katz! Wär's noch eine Geldkatze! Was nützt es mir, daß die Katze Mäuse fängt, fressen doch die Mäuse nicht meinen Speck! Schlage ich sie tot, habe ich höchstens ein Katzenfell, aus dem ich mir eine Pelzmütze machen lasse, während ich mit nackten Füßen herumlaufe. Was nützt ein warmer Kopf bei kalten Füßen? Wenn ich zum Fenster hinaussehe, werden die Leute sagen, der hat's gut, er hat eine Pelzmütze! – Aber wer mich ganz sieht, wird über mich lachen oder mich bedauern.«

So dachte er nach Art der Leute, die mit ihrem Los wie mit ihrer Erbschaft unzufrieden sind. Der Kater, der ihm zuhörte, tat nichts dergleichen, spielte nicht den Beleidigten und sagte mit einer Miene, die ihrer Sache sicher ist: »Seid nicht so traurig, mein Herr und Gebieter! Gebt mir nur einen Sack und lasset mir ein Paar gute Stiefel machen, daß ich ins Gestrüpp gehen kann, und Ihr werdet Euch überzeugen, daß der schlechteste Teil der Erbschaft nicht Euch zugefallen ist.«

Der Herr des Katers zuckte mitleidig die Achsel und gab nicht viel auf diese Worte. Indessen aber hatte er so oft Gelegenheit, die Klugheit und Geschicklichkeit des Katers beim Mäusefangen zu beobachten, daß er dachte: Man kann nicht wissen! Oft schon hat ein geschickter Diener seinen Herrn aus der Not gerissen, und manch ein König dankt sein Reich einem Minister, der ursprünglich ein verachteter armer Teufel gewesen. So tat er denn, wie der Kater sagte.

Zeichnung: Doré

Als der Kater hatte, was er wünschte, zog er die Stiefel an und hängte den Sack um, den er mit Kleie und allerlei Spülicht anfüllte. Die Schnüre des Sackes nahm er zwischen die Vorderpfoten und machte sich auf den Weg und ging in ein Gehege, wo es von Kaninchen wimmelte. Dort angekommen, legte er sich wie tot hin und wartete, ob nicht irgendein junges, unerfahrenes, mit den Listen und Tücken der Welt noch unbekanntes Kaninchen komme, um von den Lockspeisen zu kosten, die er in seinen Sack getan hatte.

Er hatte sich kaum ausgestreckt, als er seine List schon gelingen sah. Ein junger Leichtsinn von Kaninchen schlüpfte in den Sack. Meister Kater zog die Schnüre zu, fing es und tötete es ohne Gnade und Barmherzigkeit.

»Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!« sagte er dabei in moralisch und fromm näselndem Tone. Stolz auf seinen Sieg, ging er geraden Weges zum Hofe und verlangte den König zu sprechen. Man führte ihn in die innersten Gemächer Seiner Majestät, wo er sich tief verneigte und also sprach: »Mein König! Hier habe ich die Ehre, ein ganz ausgezeichnetes Kaninchen allerdevotest im Auftrage meines Herrn und Gebieters, des Marquis von Habenichts, als Zeichen seiner Treue und Untertänigkeit zu überreichen.«

»Sage deinem Herrn«, geruhte der König zu antworten, »daß ich ihm danke und daß ich ihm in Gnaden gewogen bleibe.«

Bald darauf legte sich der Kater in ein Kornfeld, öffnete seinen Sack, zog die Schnur, als zwei Rebhühner hineingeschlüpft waren, und fing sie alle beide. Sogleich lief er wieder zum König und übergab ihm die Rebhühner wie das erstemal das Kaninchen im Namen seines Herrn. Der König dankte wieder und ließ ihm ein Trinkgeld verabreichen.

So trieb es der Kater durch mehrere Monate, indem er dem König jeden Augenblick Wildbret von den Jagden seines Gebieters, des Marquis von Habenichts, als Zeichen seiner Treue und Untertänigkeit überreichte.

Eines Tages, da er in Erfahrung brachte, daß der König mit seiner Tochter, einer der schönsten Personen der Welt, längs des Flusses eine Spazierfahrt machen sollte, sagte der gestiefelte Kater zu seinem Herrn: »Wenn Ihr jetzt auf meinen Rat hören wollt, ist Euer Glück gemacht. Gehet hin und badet im Flusse an der Stelle, die ich Euch bezeichnen werde. Im übrigen lasset mich machen.«

Der Marquis von Habenichts tat nach dem Rate seines Katers, ohne zu wissen, wohin es führen sollte. Während er badete, kam der König vorbei, und da fing der Kater aus Leibeskräften zu schreien an: »Zu Hilfe! Zu Hilfe! Der Herr Marquis von Habenichts ertrinkt!«

Auf dieses Geschrei streckte der König den Kopf zum Wagenfenster heraus, erkannte den Kater, der ihm so viele Geschenke gebracht, und befahl seinen Garden, daß sie dem Herrn Marquis von Habenichts zu Hilfe eilten.

Während man mit der Rettung des armen Marquis beschäftigt war, näherte sich der Kater der Leibkarosse und erzählte dem König, daß, während jener sich badete, Diebe seine Kleider davongetragen, obwohl er mit aller Macht: »Haltet den Dieb!« geschrien, und daß jetzt der arme Marquis dastehe, wie ihn Gott geschaffen. Der Spitzbub von Kater hatte die Lumpen seines Herrn unter einem großen Stein versteckt. Der König befahl sofort dem Beamten seiner allerhöchsten Leibgarderobe, daß man augenblicklich für den Herrn Marquis von Habenichts einen seiner schönsten Anzüge herbeischaffe. Er überhäufte den Marquis währenddem mit allen möglichen Gunstbezeugungen, und da die Kleider, die man indessen herbeibrachte, ihm, der ohnehin schon von Natur ein schöner Junge war, trefflich standen, fand ihn die Königstochter ganz nach ihrem Geschmack. Der Marquis von Habenichts brauchte ihr nur einige aus Hochachtung und Zärtlichkeit gemischte Blicke zuzuwerfen, um sie ganz und bis zur Narrheit verliebt zu machen.

Der König lud ihn ein, in den Wagen zu steigen und an der Spazierfahrt teilzunehmen. Da saß er nun der Prinzessin gegenüber und so nahe, daß sie als kurzsichtige Person in seinen Augen hätte lesen können, was drin stand und nicht stand. Jetzt, dachte der Kater, jetzt blüht unser Weizen! und lief, was er konnte, dem Wagen des Königs voraus, bis er an eine große Wiese kam, die eben von den Bauern abgemäht wurde. Er stellte sich in ihre Mitte und hielt eine gewaltige Volksrede, in der er ihnen alles mögliche Gute versprach und die so endete: »Edles Volk, Bürger, freie Menschen, ehrliche Landleute! So ihr jetzt, wenn der König, unser allergnädigster Herr, hier vorbeikommt, nicht alle und einstimmig behauptet, daß diese Wiese, die ihr hier abmähet, dem edlen Marquis von Habenichts gehört und von jeher gehört hat, so werdet ihr samt und sonders ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Pfanne gehauen!«

Nachdem er so die Volksstimme – Volkes Stimme, Gottes Stimme, dachte er bei sich – vorbereitet hatte, eilte er weiter, damit der König ja nicht sehe, auf welche Weise das Volk für seine Abstimmung dressiert wurde.

Zeichnung: Doré

Der König verfehlte nicht, die braven Landleute zu fragen, wem die Wiese gehöre.

Sie antworteten alle aufs freimütigste: »Unserem gnädigen Herrn, dem Marquis Habenichts.«

»Sie haben da ein recht schönes Stück Landes, Herr Marquis!« bemerkte der König.

»Zu dienen, Majestät, ein recht einträgliches Stück Feld!« schmunzelte der Marquis bescheiden.

Der gestiefelte Kater, immer dem Wagen des Königs voraus, begegnete wieder Landleuten, die auf einem Felde ernteten. Er hielt wieder eine herrliche Volksrede, die wieder so endete: »So ihr nicht, wenn der König, unser allergnädigster Herr, hier vorbeikommt, alle und einstimmig behauptet, daß all diese Kornfelder dem edlen Marquis von Habenichts gehören und immer gehört haben, so werdet ihr samt und sonders ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Pfanne gehauen!«

Der König, der gleich darauf vorüberfuhr, tat, wie er gewohnt war, fragte und erhielt die anbefohlene Antwort, indem alle Bauern zusammen schrien: »Diese Felder alle gehören und haben immer gehört unserem gnädigen Herrn, dem Marquis von Habenichts!«

Der König sagte dem Marquis aufs neue Schmeichelhaftes über die Größe, Schönheit und Einträglichkeit seiner Besitzungen. Der Kater lief immer voraus, befahl allen, denen er begegnete, dasselbe, und der König staunte mehr und mehr über den großen Reichtum und die ausgedehnten Ländereien des Herrn Marquis von Habenichts.

So kam der Kater, immer vorauseilend, vor das Schloß eines der reichsten Oger, dem alle die Güter, die der König auf seinem Wege bewunderte, gehörten. Der Kater hatte sich betreffs der Person und der Fähigkeiten des Ogers genau unterrichtet und bat um eine Audienz, indem er versicherte, daß er am Schlosse Seiner Herrlichkeit unmöglich vorbeireisen könne, ohne hochderoselben seine Aufwartung gemacht zu haben.

Der Oger empfing ihn so freundlich, wie ein Oger sein kann, und lud ihn ein, sich zu setzen.

»Man erzählt sich im Volke«, nahm der Kater das Wort, »daß Euer Gnaden die Kunst besitzen, jede beliebige Tiergestalt anzunehmen, zum Beispiel sich in einen Elefanten oder Löwen zu verwandeln. Das wird wohl eine Sage sein, wie man sie von bedeutenden Männern zu erzählen pflegt. Ich gestehe, daß ich dergleichen als aufgeklärter Kater nicht glauben kann.«

»Nicht glauben!« rief der Oger entrüstet, »du wirst wohl daran glauben müssen!« Und augenblicklich verwandelte er sich in einen Löwen.

Den Kater ergriff ein solcher Schreck, daß er zum Fenster hinaussprang und sich über die Dachrinne retten wollte, wobei er sich, von seinen für dergleichen Wege nicht gebauten Stiefeln behindert, beinahe den Hals gebrochen hätte. Erst als er das höhnische Gelächter des Ogers vernahm und sich überzeugte, daß dieser den Löwen wieder abgelegt hatte, kehrte er zu ihm zurück mit den größten Komplimenten über seine wunderbaren Künste.

»Aber«, fügte er hinzu, »man sagt, daß Euer Gnaden sich auch in kleine Tiere, wie zum Beispiel in eine Ratte oder Maus, verwandeln könnten. Das halte ich für platterdings unmöglich.«

»Unmöglich?« rief der Oger. Gleich war er eine Maus und lief über das Parkett hin. Da machte der Kater einen Sprung, und aus war es mit der Maus und mit dem Oger für immer. Die Maus ist für die Katze, und wenn ein Riese sich auch nur für einen Augenblick klein und schwach zeigt, kann er sicher sein, gefressen zu werden.

Zeichnung: Doré

Unterdessen fuhr der König über die Zugbrücke in das Schloß, dessen Pracht ihn schon von ferne angezogen hatte. Der Kater hörte das Gerumpel und Getrampel, eilte hinab und hieß Seine Majestät im Schlosse seines Herrn, des Marquis von Habenichts, hoch willkommen.

»Wie, Herr Marquis, auch dieses Schloß ist Euer Eigentum?« rief der König. »Man kann nichts Schöneres sehen als dieses Tor, diese Türme, diesen Hof, diese Treppen! Da müßt Ihr mich schon einige Zeit zu Gaste nehmen.«

Der Marquis von Habenichts gab der Prinzessin den Arm und folgte dem König, der die Treppen hinaufstieg, in einen Saal, wo der Oger für seine Freunde, die er diesen Tag erwartete, ein großes Gastmahl bereitet hatte. Man setzte sich zu Tische und war lustig und guter Dinge. Nur die Prinzessin war etwas melancholisch, und das kam von der Liebe, die sich von Stunde zu Stunde in ihrem Herzen immer breiter machte. Der König bemerkte das, und diese Bemerkung in Verbindung mit der anderen, daß der Marquis von Habenichts wohl einer der reichsten Granden des Landes sei, bewog ihn beim sechsten oder siebenten Glas zu dem Ausruf: »Wenn Ihr mein Eidam werden wolltet, Herr Marquis, ich wüßte nicht, daß dem etwas im Wege stünde!«

Darauf lachte der König wie über einen Witz. Der Marquis nahm die Sache ernst, und noch denselben Abend wurde er des Königs Schwiegersohn.

Der gestiefelte Kater wurde Minister und ging nur noch zu seinem Vergnügen auf die Mäusejagd, denn nur ein gemeiner Emporkömmling verleugnet die Freuden seiner Jugend.

 

Quelle: http://gutenberg.spiegel.de

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